Pfaffenhofen

Pfaffenhofener Lesebühne

Das waren die Literaturtage 2018

Literaturfreunde kamen im Oktober 2018 in Pfaffenhofen voll auf ihre Kosten: Zum zweiten Mal lud die Stadt Pfaffenhofen zu Literaturtagen im Rahmen der Pfaffenhofener Lesebühne ein, und da standen fünf interessante und völlig unterschiedliche Lesungen an verschiedenen Orten auf dem Programm.

 

 

Hilmar Klute
Zum Auftakt las Hilmar Klute im Strandbad Café am Freibad aus seinem Debütroman „Was dann nachher so schön fliegt“. Das Buch erzählt die Geschichte von Volker Winterberg, der seinen Zivildienst in einem Pflegeheim ableistet. Gleichzeitig ist er aber Lyriker, schreibt Gedichte und trifft in dem Buch auch immer wieder auf andere Dichter. Schließlich gewinnt Winterberg sogar einen Wettbewerb und darf deshalb nach Berlin reisen. Klute erzählte, dass es hier eine Parallele zu seinem eigenen Leben gibt: 1986 hat er eben diesen Wettbewerb, das „Treffen junger Autoren“, selbst gewonnen.

Klute schneidet in seinem Roman die Alltagserfahrungen, die Winterberg hauptsächlich im Pflegeheim erlebt, mit dem – wie er es nennt – „Gegengift“, also wo es für den Protagonisten hingehen soll, zusammen. Mit seinen sehr anschaulichen Beschreibungen fesselt Klute die Leser. Man kann förmlich miterleben, wie der Zivildienstleistende eine Frau vorm Verschlucken rettet, wie er seinen Eisbecher mit der Abbildung auf der Speisekarte vergleicht oder wie er sich beim Fahrradfahren fühlt.

„Was dann nachher so schön fliegt“ kann als Hommage betrachtet werden. Zum einen spielt das Werk im Ruhrgebiet, in Berlin und in Paris – alles Orte, die für den Autor wichtig sind. Vielmehr ist es aber eine Hommage an bestimmte Autoren, wie zum Beispiel Nicolas Born. Klute: „Für mich ist Born ein sehr bedeutender Schriftsteller gewesen, der leider ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. In meinem Buch spielt er deshalb eine große Rolle, ich will ihn damit ein bisschen lebendig halten.“

Kulturreferent Kopetzky, der den Abend moderierte, bezeichnete das Buch als „eine Art Ping-Pong-Spiel zwischen den Themen Einsamkeit auf der einen und Gruppenbildung oder Heimat auf der anderen Seite“. Der eher ungewöhnliche Titel ist übrigens ein Teil eines Zitats aus – wie soll es anders sein – einem Gedicht von Peter Rühmkorf. „Was dann nachher so schön fliegt, wie lange ist darauf rumgebrütet worden!“ Der Satz steht für Winterbergs Suche nach der richtigen Balance im Leben und beim Schreiben.

 

María Cecilia Barbetta
Am Freitagabend war die Argentinierin María Cecilia Barbetta zu Gast im Theatersaal im Haus der Begegnung. Sie las aus ihrem neuesten Roman „Nachtleuchten“, der es dieses Jahr sogar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Durch den Wechsel zwischen der umfangreichen Lesung und einem Gespräch der Autorin mit Dorle Kopetzky auf der Bühne war der Abend sehr informativ und sehr persönlich, verlief aber auch in einer recht lockeren Atmosphäre.

Barbetta liebt die deutsche Sprache. Erstmals kam sie durch deutsche Kinderlieder im Kindergarten mit der Sprache in Kontakt, später durch die Deutsche Schule, die sie besuchte, bis hin zu ihrer Ausbildung als Deutschlehrerin für Ausländer. Sie versteht es überaus gut, mit der deutschen Sprache zu spielen, wie beispielsweise auch bereits im Buchtitel. Er spielt zum einen auf das Leuchten der Plastik-Madonna an, die in dem Buch immer wieder auftaucht. Zum anderen ist „Nachtleuchten“ eine sehr konträre Kombination aus Dunkel und Licht. Dunkel steht für die traurige, grausame Geschichte Argentiniens in den 70-er Jahren, in denen das Buch spielt. Im Gegensatz dazu das Leuchten der Menschen, deren Optimismus, Lebensfreude und Hoffnung auf eine bessere Zeit.

Die Autorin verriet bei der Lesung, dass sie sich die Inspirationen für Läden, Ortschaften und Figuren für ihr Buch größtenteils in Berlin holte – ihrem derzeitigen Wohnort –und diese kurzerhand nach Ballester verlagerte. Beispielsweise handelt es sich bei der im Buch genannten argentinischen Änderungsschneiderei eigentlich um einen türkischen Laden in Berlin.

 

Greta Silver
„Der Anfang war Pflicht – Karriere und Familienplanung – jetzt kommt die Kür“. Greta Silver, ein Energiebündel mit 70 Jahren, stellte am Samstagnachmittag im prallgefüllten Hofbergsaal ihr neuestes Buch „Wie Brausepulver auf der Zunge“ vor. Vielmehr war es jedoch ein Vortrag, eine Anleitung mit vielen Tipps und Tricks und zahlreichen privaten Anekdoten zum Thema: Wie ich es schaffe, mein Glückslevel täglich zu heben. „Wir müssen dafür sorgen, dass es uns gut geht“, erklärte Silver, „erst wenn es uns selbst gut geht, können wir anderen helfen.“ Sie vergleicht dies mit einem Notfall in einem Flugzeug, bei dem man sich stets selbst zuerst die Sauerstoffmaske aufziehen muss, bevor man anderen helfen kann.

Man müsse sich bewusst machen, dass die Zeitspanne von 60 bis 90 Jahre genauso lang ist wie die von 30 bis 60. Es liege also noch ein großes Stück Leben vor einem, in dem man noch viel Neues ausprobieren könne. Sie selbst hat sich mit 40 Jahren selbstständig gemacht, mit Anfang 60 beschloss sie Bücher zu schreiben und als Model arbeiten zu wollen, und mit 66 startete sie einen YouTube-Kanal mit mittlerweile über 14.000 Abonnenten.

 

Mario Giordano
Die Tante Poldi in Sizilien auf Verbrecherjagd: Ein wirklich vergnüglicher Abend, so wie der Bestsellerautor Mario Giordano den dritten Band seiner erfolgreichen Krimireihe präsentierte und dabei die Hauptfigur seiner Reihe vorstellte.

Giordano verzichtete darauf, dem Publikum im vollen Theatersaal den neuesten Krimi-Fall vorzustellen, um den Lesern nicht die Freude und Spannung zu nehmen. Vielmehr widmete er sich ganz dem Porträt seiner lebenslustigen Hauptfigur. Und man bekam einen prallbunten Eindruck, denn der Autor mit italienischen Wurzeln hauchte mit seinem lebendigen und mitreißenden Vorlesestil der Seniorin mit dem großen Herz für alle gut aussehenden Männer und der Vorliebe für Hochprozentiges wirklich Leben ein. Man gewann einen Eindruck von ihrem Leben auf Sizilien zwischen schönen Männern, gutem Essen und guten Getränken – la dolce vita auf Sizilien eben. Es wurde bei der Lesung auch klar: Tante Poldi ist eine Herzensfigur des Autors.

Giordano erzählt launig über Sizilien und die Sizilianer und nutzt dabei die Gelegenheit, heiter-ironisch auch über seine italienische Verwandtschaft zu erzählen – und nicht nur Tante Poldi ist dabei an einem realen Vorbild angelehnt, wie er enthüllte. Ergebnis war eine unterhaltsame Lesung mit einem begeisterten Publikum, das den Autor mit Fragen bestürmte und sich als großer Fan von Tante Poldi entpuppte.

 

Professor Josef H. Reichholf
Keine Lesung, sondern einen hochinteressanten Vortrag erlebten fast 100 Zuhörer zum Abschluss der Literaturtage. Der Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe Josef H. Reichholf sprach über das Artensterben, das Verschwinden der Singvögel, der Schmetterlinge und Insekten. Reichholf hat bereits eine Reihe von Büchern veröffentlicht, sein neuestes Werk „Schmetterlinge: Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet“ ist erst vor wenigen Wochen erschienen.

Der ehrenamtliche Kulturreferent Steffen Kopetzky begrüßte den bedeutenden Wissenschaftler und Autor im Festsaal des Rathauses und freute sich über die zahlreichen interessierten Zuhörer, die auch die Gelegenheit zu Fragen und Diskussion gern nutzten.

Reichholf nannte erschreckende Zahlen und betonte, dass mit der Abnahme der Häufigkeit von Schmetterlingen, Insekten und Vögeln auch die Artenvielfalt zurückgeht. Vor allem Pestizide, Überdüngung und Monokulturen machen den Tieren den Garaus. Dabei könnten schon viele kleine Maßnahmen ihnen beim Überleben helfen, erklärte der Biologe, und so könnte jeder einzelne Gartenbesitzer etwas für die Artenvielfalt tun, denn „auch viele kleine Flächen bringen sehr viel“. Nicht zuletzt sah er aber auch die öffentliche Hand, die Kommunen sowie die Forstverwaltung in der Pflicht: „Warum müssen öffentliche Flächen, die nicht landwirtschaftlich genutzt werden, dauernd gemäht werden?“ fragte er und fügte provokativ hinzu: „Erschrecken manche Leute, wenn es am Straßenrand Blumen gibt?“

 

 

 

 

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